Werden Europas
Wurzel und Wege der Eigenständigkeit europäischen Denkens-
Was geschah im lateinischen Mittelalter?
von Prof. Dr. Dr. Adalbert Podlech,
Letzte Vorlesung "Werden Europas"
Im lateinischen Mittelalter erreichte das Denken auf der Grundlage antik-christlicher Überlieferung mit Hilfe arabischer Einflüsse die Struktur, die dann ab der Renaissance in Wissenschaft und Technik der Weltkultur aufgeprägt wurde. Die Vorlesung skizziert die geistig-politischen Entwicklungen bis zu diesem Zeitpunkt.
Sie begann mit drei Thesen:
-
Erste These:
Alles, was im Mittelalter gedacht wurde, wurde auf der Grundlage äußerer Einflüsse gedacht.
Aber jeder äußere Einfluß wurde nicht epigonal aufgenommen, sondern innovativ fortentwickelt. Der letzte Einfluß dieser Art erfolgte in der Renaissance. Es ist, als wenn die Weltgeschichte dann zu Europa gesagt hätte: "Nun denkt selbst und alleine!" Und in Europa wurde gedacht und dieses Denken bestimmt heute die Welt.
-
Zweite These:
Drei Strukturen mußten auf diesem Weg verwirklicht werden, um das neuzeitliche, sich im 20. Jahrhundert endgültig durchsetzende Ergebnis zu erzielen.
1. Die methodische Trennung von Theologie und Philosophie, also einerseits von dem Denken, das als Voraussetzung den intersubjektiv nicht überprüfbaren Glauben hat, und dem Denken, das frei kommunizierbare Rationalität und kontrollierbare Erfahrung einschließt.
2. Die erst begriffliche und dann tatsächliche Trennung von Staat und Kirche – Kirche aufgefaßt als die gesellschaftlich-organisatorische Verwaltung von Religion.
3. Die Eingrenzung der Kompetenz von Kirche auf die Theologie und die gesellschaftliche Überzeugung, daß Religion keine methodische Befugnis für Wahrheitsentscheidungen über Rationalität und Erfahrung hat.
-
Dritte These:
1. Die effektive Überlegenheit europäischen Denkens in der Welt, die sich im 19. und 20. Jahrhundert durchgesetzt hat, beruht auf diesen drei Voraussetzungen.
2. Soweit die Prädominanz europäischen Denkens in der Welt auf überlegener politischer, wirtschaftlicher und militärischer Macht beruht, beruht ihrerseits diese Überlegenheit auf der durch die Zweite These formulierten Rationalität.
3. Die Aussage von der effektiven Überlegenheit europäischen Denkens in der Welt soll ausdrücken, daß damit keine Überlegenheit unter Wertungsgesichtspunkten mit gemeint ist.
Eine neue formatierte Version der Vorlesung als PDF- Datei kann herunter geladen werden,


Zurück: Von der Unentbehrlichkeit der Geschichte
