Organisationsformen gesellschaftlicher Wahrheitssuche
Hohe Schulen im arabischen und lateinischen Mittelalter
Prof. Dr. Dr. Adalbert Podlech
![]()
„Im Jahre 1248 wurde in Köln ein Studium generale des Dominikaner-Ordens gegründet. Leiter wurde Albertus Magnus (um 1200-1280). Seine Aufgabe wäre es gewesen, die aus ganz Europa zusammenkommenden Studenten aus dem Dominikaner-Orden Theologie (…) zu lehren. Statt dessen führte er eine revolutionäre Neuerung ein, die für ihn mit einer zehn-jährigen Forschungstätigkeit verbunden war: Er las im Jahr 1250 anstatt Sacra Scriptura , wie es seine Pflicht gewesen wäre, über die erst seit drei Jahren im lateinischen Europa bekannte Nikomachische Ethik des Aristoteles.
Zunehmend über Spanien und später auch über Sizilien waren seit Anfang des 13. Jahrhundert die Werke des Aristoteles und hierzu die Kommentare und andere Werke der arabischen Falasifa (Philosophen), besonders Ibn Sina (Avicenna) und Ibn Rušd (Averroes) bekannt geworden und hatten eine von Theologen und kirchlichen Stellen argwöhnisch bis feindlich verfolgte intellektuellen Revolution ausgelöst. In dieser brisanten Situation fasste Albertus Magnus den Plan, dem lateinischen Mittelalter die gesamte Wissenschaft des Aristoteles, der Araber und der Juden in einer einzigen wissenschaftlichen Sammlung zugänglich zu machen: (…). Nach zehn Jahren hatte er den ganzen Aristoteles kommentiert und versuchte, dadurch die Kommentare der islamische-arabischen Philosophen überflüssig zu machen. Europa sollte sich von der Vorrangstellung der islamischen Welt befreien und selbständig werden. Ziel dieses Programs war es, die intellektuell allen bisherigen im lateinischen Mittelalter gelehrten Erkenntnissen überlegenen griechisch-arabischen Einsichten lehrbar zu erhalten, ohne die Vertreter der Amtskirche zu ihrem Verbot zu reizen.“
Erste Veröffentlichung:
Podlech, Adalbert, Organisationsformen gesellschaftlicher Wahrheitssuche Hohe Schulen im arabischen und lateinischen Mittelalter, in Faber, Heiko und Frank, Götz (Hrsg) Demokratie in Staat und Wirtschaft, Festschrift für Ekkehart Stein zum 70. Geburtstag, Verlag Mohr Siebeck, S.297-308


Zurück: Was ist Scharia?
