Hamas trägt die Verantwortung
Wie der Konflikt in Gaza zu lösen?
28. 01. 2009
Über diese Frage debattierten in der Tageszeitung "Neues Deutschland" die DAVO-Mitglieder Prof. Dr. Werner Ruf und Prof. Dr. Udo Steinbach mit Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland.
DAVO ist die Abkürzung für die "Deutsche Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient"
Der zweite Beitrag
Hamas trägt die Verantwortung
Von Stephan J. Kramer
Weltweit wird der Ruf nach einer sofortigen Einstellung der
israelischen Operation im Gaza-Streifen laut und lauter. Und wieder
steht der Judenstaat in der Öffentlichkeit als der Friedensverweigerer
da. »Quod erat demonstrandum – die bösen Juden«, jubeln die üblichen
Kritiker, und viele, die es nicht besser wissen, stimmen ihnen zu.
So tut ein klärendes Wort Not. Selbstverständlich verdient die
Bevölkerung des kleinen, leidgeprüften Gaza-Streifens Frieden und Ruhe,
genauso übrigens wie ihre israelischen Nachbarn. Die Bilder der zivilen
Opfer – Kinder, Frauen, Männer, Alte – lassen niemanden unberührt. Nur:
Für das Leid ihrer Untertanen, und das der Israelis, ist die Hamas
verantwortlich. Sie hat vor anderthalb Jahren nach einem Staatsreich
die Macht in Gaza übernommen. Sie hat den Raketenkrieg gegen Israel
eskaliert. Sie weigert sich, selbst jetzt, einem dauerhaften
Waffenstillstand mit dem »zionistischen Feind« zuzustimmen. Im
Klartext: Sobald sie sich von dem Militärschlag erholt hat, will die
islamistische Bewegung den Beschuss israelischer Städte mit neuer
Vehemenz wieder aufnehmen. Im Westen spricht die Hamas gern von einem
Kampf gegen die »Besatzung«. Damit ist jedoch kein israelischer Rückzug
aus der West Bank gemeint – Gaza wurde von Israel bekanntlich 2005
bereits vollständig geräumt –, sondern die Auslöschung des jüdischen
Staates.
Mehr als das: Die Hamas setzt Zivilisten als menschliche
Schutzschilde ein, feuert ihre Raketen und Mörsergranaten aus dicht
besiedelten Gebieten ab und baut Sprengkörper in Wohnhäusern. Kommen
Nachbarn durch eine unkontrollierte Explosion zu Tode, avancieren sie
im Hamas-Universum einfach zu Märtyrern. Hinterbliebene, die den
Protest wagen, geraten ins Visier der Geheimpolizei. Wer Israels
Vorgehen trotzdem verurteilt, möge sich daher die folgende Lage
vorstellen: Seine Tochter oder sein Sohn werden von einem Nachbarn
unter Beschuss genommen. Dabei geht der Angreifer hinter dem Rücken
seiner eigenen Kinder in Deckung und feuert mit Tötungsabsicht weiter.
Wie viele derjenigen, die Israel bei »Friedensdemos« so ungehemmt
verdammen, würden in dieser Situation tatenlos zusehen?
Daher gilt: Wem das Schicksal der Palästinenser wirklich am
Herzen liegt, der muss einen realistischen Waffenstillstand
unterstützen, der die Fähigkeit der Hamas, einen Krieg anzuzetteln,
drastisch reduziert. Das bedeutet: Die Grenze zwischen Ägypten und Gaza
muss gegen Waffenschmuggel effizient gesichert werden. Weiterhin darf
die Hamas nicht in die Lage versetzt werden, gegenüber der eigenen
Bevölkerung, aber auch gegenüber der übrigen arabischen-islamischen
Welt als Sieger aus dem Konflikt hervorzutreten.
Eine Lockerung des Würgegriffs der Hamas ist zudem
Voraussetzung für eine neue Lebensperspektive für Gaza. Unter einer
fundamentalistischen Regierung, die ihre Bürger bewusst in tiefste Not
stürzt, ist der dringend erforderliche, unter verlässlicher
internationaler Hilfestellung zu leistende Aufbau der Wirtschaft, des
Gesundheits- und Erziehungswesens und eines Rechtssystems nicht
möglich. Das gilt auch für den israelisch-palästinensischen
Friedensprozess: Mit der Hamas ist die Schaffung eines
palästinensischen Staates, der in gutnachbarlichen Beziehungen zu
Israel leben könnte, nicht realisierbar.
Mit der praktischen Umsetzung einer solchen Aufbaustrategie
täte der Westen nicht nur den Palästinensern, sondern auch sich selbst
einen Gefallen. Je stärker nämlich »Hamastan« wird, umso mehr wird es
sich zu einer von Iran finanzierten, bewaffneten und gesteuerten
Bedrohung für die Fatah-Regierung im Westjordanland, aber auch für das
jordanische Königshaus und für die pro-westliche ägyptische Regierung,
die Teheran durch ein islamistisches Regime ersetzen will. Für Europa
wäre dies eine strategische Katastrophe und zunehmende eigene
Bedrohung. Nicht umsonst hat Ägyptens Präsident Hosni Mubarak gleich zu
Beginn des jetzigen Konflikts erklärt, Hamas dürfe aus dem Krieg nicht
als Sieger hervorgehen. Diesen weisen Rat aus dem Morgenland sollten
auch Europas Mächte endlich beherzigen.
Stephan J. Kramer, Jahrgang 1968, ist
Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland und Leiter des
Berliner Büros des European Jewish Congress sowie Mitglied des »Board
of Governors« des World Jewish Congress (WJC). Außerdem ist er unter
anderem Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und
ständiger Gast im 12. Beirat für Fragen der Inneren Führung der
Bundeswehr beim Bundesverteidigungsministerium.
Der dritte Beitrag
Israels Macht ist im Niedergang
Von Udo Steinbach
Der Krieg in Gaza kam nicht überraschend. Seinem Ausbruch liegt eine
doppelte Verweigerung zugrunde: einer gerechten Lösung für den
Paria-Status des palästinensischen Volkes und der Demokratie als des
Weges dahin. Die Besatzung hat mit der Mauer um Rest-Palästina und den
Sanktionen gegen die Menschen in Gaza eine neue Qualität erfahren. Und
die Verweigerung der Anerkennung der palästinensischen Wahlen im Januar
2006 hat jene Kräfte unter den Palästinensern gestärkt, die sich nichts
mehr von der Diplomatie erhoffen, sondern für eine Lösung ihres
Problems mit Waffen zu kämpfen entschlossen sind. Die Lösung des
Konflikts in Gaza ist Teil einer Lösung der palästinensischen Frage
insgesamt. Kommt sie nicht, wird auf den Krieg in Gaza der nächste
Krieg folgen. Weiter >>>
Alle drei Beiträge auf dieser Seite aus: Neues Deutschland, 16. Januar 2009
Quelle: AG Friedensforschung an der Uni Kassel


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