Studiengang Islamische Finanzen
Zinsen sind verboten, ebenso Investitionen in Unternehmen, die mit Waffen oder Alkohol handeln. Studenten der Uni Straßburg lernen Banking nach den Regeln des Islam
08. 09. 2009
In Einklang mit der Scharia
Petra Klingbeil, dpa
"Um ein guter islamischer Banker zu sein, muss man zuerst ein guter Banker sein." Der 36-jährige Philippe Sage, ein französischer Banker mit deutscher Studienerfahrung, ist ein Pionier: er gehört zum ersten Jahrgang des neuen Masterabschlusses islamische Finanzen, den die Straßburger Universität als erste in Frankreich eingeführt hat. "Die Wirtschaftskrise hat uns Zulauf gebracht", sagt der Jurist Michel Storck, der die etwa 30 Studenten an der Universität und der Hochschule für Management in Straßburg ausbildet.
Für den nächsten Jahrgang von Januar 2010 an haben sich bereits mehr als doppelt so viele Kandidaten beworben wie in das Programm mit 400 Stunden aufgenommen werden können. "Bank- und Versicherungsangestellte, die ihren Job verloren haben, satteln um auf islamische Finanzen. Da wächst der Bedarf", sagt Storck. Bei Sage war die Neugier Antriebskraft. "Ich habe davon in der Zeitung gelesen und wollte nach zehn Jahren Berufserfahrung in Straßburg, Frankfurt und Shanghai sowieso eine Studienpause einlegen", sagt er.
Gelehrt wird in dem einjährigen Studiengang der Umgang mit Finanzprodukten, die mit der Scharia, dem Gesetz des Islam, vereinbar sind. So muss beispielsweise das Zinsverbot beachtet werden. "Im Islam darf man nicht Geld mit Geld machen", sagt Sage. Tabu ist der Handel mit Derivaten oder Zertifikaten, die mit zu den Auslösern der Finanzkrise gehören. Was Sage besonders am islamischen Banking gefällt, sind die Politik der Investitionen in reale Projekte, häufig in Bauvorhaben, und die Risiko-Beteiligung des Kapitalgebers.
"Die Bank steigt in ein Projekt mit ein und trägt auch mit am Risiko, wenn die Sache nicht klappt", schildert er. Wo beispielsweise bei herkömmlichen Banken einem Kreditnehmer Strafzinsen aufgebrummt werden, wenn seine monatlichen Raten ins Stocken geraten, muss die islamische Bank in einem solchen Fall neu verhandeln und mit dem Kunden eine Lösung finden. Natürlich machen islamische Banken auch Profite: bei Immobilien etwa kauft die Bank das Haus, das der Kunde haben will, und verkauft es ihm zu einem erhöhten Preis weiter.
In Einklang mit der Scharia
Islamische Banken dürfen nicht in Unternehmen investieren, die mit
verbotenen Produkten wie Alkohol, Schweinefleisch, Tabak oder Waffen
handeln. Keine Geschäfte sollten auch mit zu hoch verschuldeten
Unternehmen oder solchen mit einer zu niedrigen Kapitaldecke gemacht
werden. "Im Grunde ist es nichts mehr als eine sehr konservative
Finanzpolitik", sagt Sage. Für Muslime ist die Wahl einer islamischen
Bank in erster Linie eine religiöse Entscheidung. Sie vertrauen auf
die Wirtschaftsprüfer der "Sharia-Boards". Dort sitzen hoch angesehene
Religionsgelehrte und Wirtschaftsexperten, die als Garanten der Ethik
alle Finanzprodukte absegnen müssen.
Der islamische Finanzmarkt hat nach Schätzungen der Finanzratingagentur Moody's ein Volumen von mehr als 700 Milliarden Dollar. Weltweit gibt es 300 Banken, die sich nach der Scharia arbeiten. 60 Prozent von ihnen arbeiten in den Golfstaaten. "Dieser Markt wächst pro Jahr um etwa 25 bis 30 Prozent, doch das islamische Banking wird immer ein Nischenprodukt bleiben", sagt Sage. Verständlich, denn "Spekulationen und das Geschäft mit heißer Luft finden nicht statt". Nach seinem Abschluss würde er gern im Nahen Osten arbeiten. "Ich habe mich in Quatar beworben."
Die französische Regierung prüft derzeit eine Anpassung der Rechtslage und nach Einschätzung von Storck "wird es 2010 in Frankreich die erste islamische Bank geben". In Deutschland ist man noch nicht so weit. Dort bieten bisher lediglich eine Reihe von Banken islamische Finanzprodukte an. Die Briten waren die ersten. Sie haben bereits vor Jahren eine islamische Bank zugelassen.
Quelle: Zeit Online


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